Interview

"Wir müssen in Ökosystemen denken!"

10. April 2017, von Susanne Bachmann

Disruption, Smart Devices, IIoT, Ökosysteme – Begriffe, die derzeit selbst in der Mess- und Automatisierungstechnik kursieren. Rahman Jamal, Global Technology & Marketing Director bei National Instruments und Eröffnungs-Redner auf dem Kongress QS Excellence, schlüsselt im Interview mit Computer & Automation auf, warum es in der Messtechnik eines Umdenkens bedarf.

Jamal Rahman ist Referent auf dem Kongress QS-Excellence




"Heute braucht es offene softwarezentrische Techno­logieplattformen gepaart mit stetig wachsenden Öko­systemen an Anwendern und Entwicklern."

Keynote-Speaker Rahman Jamal
Global Technology & Marketing Director
National Instruments Germany GmbH, München

Herr Jamal, warum bleibt in der Mess- und Automatisierungstechnik derzeit kein Stein auf dem anderen?
Wir erleben gerade einen unglaublichen Fortschritt. Laut dem Zukunftsforscher Ray Kurzweil liegt das daran, dass wir das immense Potenzial exponentiellen Wachstums nutzen, das uns durch die Digitalisierung der Welt zur Verfügung steht. Resultat ist: Branche für Branche wird ordentlich auf den Kopf gestellt, und dieses Auf-den-Kopf-Stellen wird im Englischen häufig als ‚Disruption‘ bezeichnet.

Das Erfolgsrezept lautet also?
Man paare offene softwarezentrische Technologieplattformen mit stetig wachsenden Ökosystemen – so setzen Sie disruptive Kräfte frei! Nichts anderes passiert gerade in unserem Betätigungsfeld der Mess-, Prüf-, Steuer- und Regeltechnik: Ich wage zu behaupten, dass wir auch hier gerade einen Umbruch erleben, getriggert durch den plattformbasierten Ansatz von National Instruments gepaart mit einem gewaltigen Ökosystem, was zu einer massiven perspektivischen Verschiebung von herstellerdefinierten Steuer- und Messboxen zu benutzerdefinierten Systemen führt.

Was heißt das aus Sicht Ihrer Kunden?
Die aktuellen Themen – Internet der Dinge (IoT) und Industrie 4.0 bringen eine ganz neue Gattung von Geräten mit sich. Geräte, die ein viel flexibleres Funktionsspektrum aufweisen als die Geräte bislang, viel schneller zusätzliche oder andere Funktionen übertragen bekommen und flexibel ummodifiziert werden. Die herkömmliche Mess-, Prüf-, Steuer- und Regeltechnik ist diesen sich schnell wandelnden Anforderungen nicht gewachsen. Und weil sich im Zuge der rasanten Entwicklungen im IoT und Industrial IoT auch die Produkte des Kunden oft innerhalb kürzester Zeit ändern, müssen wir heute den Kunden in die Lage versetzen, selbst sein System an seine Bedürfnisse anzupassen.

Wie machen Sie das?
Seit jeher setzen wir auf eine Plattform aus modularer Hardware, zum Beispiel PXI, und flexibler Software – sprich Labview, die es dem Anwender erlaubt, jede Lösung sowohl zu automatisieren als auch benutzerspezifisch anzupassen. Das Wesentliche aber ist, dass die Plattform durch ein ganzes Ökosystem ergänzt wird.

Was verstehen Sie unter Ihrem Ökosystem?
Als wir unsere Plattform ausbauten, begann ein ganzes Ökosystem sich darum herum zu entwickeln, und ein riesiges Support-Netzwerk für Ingenieure im Bereich intelligenter Tests entstand. Wir haben es unseren Alliance Partnern und Integratoren erleichtert, unsere Plattform als Basis für eine Komplettlösung für ihre Kunden zu nutzen. Aber es geht weit über pure Integration hinaus. Im Labview Tools Network gibt es hunderte von durch die Community erstellten Toolkits. Und das Allerwichtigste: Es gibt mehr als 300.000 Anwender, die dieselben Aufgaben erledigen und bereitwillig ihren Code und ihre Erfahrungen in Online-Foren und Anwendergruppen mit anderen teilen. Somit ist der Anwender nicht auf die Innovationen des Entwicklerteams des jeweiligen Herstellers beschränkt. Und dieses Ökosystem wächst beständig. Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Das Ökosystem umfasst sogar weit mehr Leute als sämtliche Mitarbeiter aller Firmen im Mess- und Testbereich weltweit zusammengezählt.

Das Interview führte Meinrad Happacher von der Computer & Automation. Vielen Dank!